Kunstprojekt "Stela" von Kingsley Baird

 

Der Ausstellung „14 - Menschen - Krieg“ räumlich und zeitlich vorangestellt ist das Kunstwerk „Stela“ des Neuseeländers Kingsley Baird, das bereits zur Museumssommernacht am 12. Juli 2014 eröffnet wird.

Das Schicksal der Künstlerin Käthe Kollwitz – das sowohl in der Ausstellung „14 – Menschen – Krieg“, als auch in der TV-Serie „14 - Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ erzählt wird – und das ihres Sohnes Peter, der mit 18 Jahren am 23. Oktober 1914 in Flandern fiel, führte Kingsley Baird zum Soldatenfriedhof Vladslo. Hier und auf dem nahegelegenen Kriegerfriedhof Langemark entwickelte er die Idee zu „Stela“. „Stela“ (Stele) besteht aus 18.000 in der Form eines Denkmals aufgeschichteten Keksen, die in ihren Umrissen den Silhouetten von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg ähneln.

„Das Kunstwerk – das aus zwei Elementen besteht, einem 'Kenotaph' aus Stahl und soldatenförmigen Keksen – wird in der Museumssommernacht stufenweise enthüllt. Dem Kenotaph (wörtlich: 'leeres Grab') liegen die Abmessungen von sechs menschlichen Körpern zugrunde, die horizontal übereinander gestapelt sind. Die vertikale Schichtung ist ein Verweis auf das Kameradengrab. Die Konstruktion der Skulptur ist eine Anspielung sowohl auf eine Keksdose als auch auf die metallenen militärischen Gegenstände im Militärhistorischen Museum. In die Oberfläche eingraviert ist ein Tarnmuster aus Eichenblättern als Symbol für Deutschland und für eine traditionelle Gedenkkultur. Die Blätter erinnern zudem an die Bäume auf dem Friedhof Langemark.“ Kingsley Baird

Die Kekse werden von der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk Sachsen nach dem überlieferten Rezept der sogenannten ANZAC-Kekse (Akronym für Australian and New Zealand Army Corps) gebacken, mit denen in Neuseeland jedes Jahr an den Einsatz des Australisch-Neuseeländischen Armee-Korps an der Schlacht von Gallipoli am 25. April 1915 erinnert wird.

„Stela (Stele) befasst sich mit positiven und negativen Formen, im wörtlichen und im metaphorischen Sinne. Die ‚positiven‘ Kekse sind aus dem ‚Negativ‘ der Ausstechform entstanden; die Form der Stele entsteht aus den gestapelten Keksen und ihren Zwischenräumen. Bei Stela (Stele) geht es um An- und Abwesenheit: Die abwesenden Körper unter der Erde werden zu Anwesenden. Es entsteht eine Umkehrung. Anstelle eines Lochs im Boden – einem negativen Raum – der aufeinandergeschichtete Körper enthält, haben wir nun eine positive Form gestapelter Körper. Es ist, als ob die Erde, die die Körper umgab, hinweggespült wurde und (…) eine Erdplatte aus dem Schlachtfeld an der Westfront freigelegt ist, als eine positive Abbildung.“ Kingsley Baird.

Die Zahl 18.000 entspricht der Zahl der gefallenen neuseeländischen Soldaten des Ersten Weltkriegs und gleichzeitig besteht eine deutsche Infanteriedivision aus ca. 18.000 Soldaten – „sie war die Kampfeinheit der Schlachtfront“. Die Museumsbesucher sind eingeladen, vom Kenotaph Kekse zu nehmen, mitzunehmen oder auch zu verzehren.

„Der Verzehr der Kekse ist ein ambivalenter Akt; er ist sowohl destruktiv als auch konstruktiv. Einerseits kann darin eine symbolische Handlung gesehen werden, die für den Konsum von Soldaten steht, die die Gesellschaft in ihrem Namen in den Krieg schickt. Wir opfern unsere Kinder dem Moloch Krieg; wir sind wie Kronos, der seine Söhne verschlingt. Andererseits handelt es sich um eine Geste der Erinnerung; durch den Verzehr der Kekse rufen wir uns das Opfer der Soldaten in Erinnerung und nehmen symbolisch ihr Wesen in uns auf.“ Kingsley Baird.

„Stela“ versinnbildlicht die brüchige Konsistenz der Erinnerung und verweist auf das historische und gegenwärtige Opfer von Soldaten, und die damit verbundene Verantwortung unserer Gesellschaft, die Sicherheit konsumiert. Auch weil Soldaten in Einsätze geschickt werden, in denen sie physisch und psychisch aufgezehrt werden. Das Backwerk wird zur geistigen Nahrung in einem doppelten Sinne, wenn die Besucherinnen und Besucher partizipieren, sich zum Kunstobjekt verhalten und positionieren.

„Stela (Stele), ist ein Versuch, die Distanz zwischen ehemaligen Feinden zu verringern, durch das Erkennen einer gemeinsamen Humanität und des gemeinsamen Verlusts zu versöhnen und die Vergangenheit in der Gegenwart sichtbar zu machen.

Großmütige und versöhnliche Worte fand der türkische Präsidenten Kemal Atatürk fast zwanzig nach der Schlacht von Gallipoli, als er von der Zusammengehörigkeit im Tode und dem gemeinsamen Gefühl der Trauer unter ehemaligen Feinden sprach:

‚Diese Helden, die ihr Blut vergossen und ihr Leben ließen… Ihr liegt nun in der Erde eines befreundeten Landes. Daher ruhet in Frieden. Denn es gibt für uns keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets, dort wo sie Seite an Seite in diesem unserem Lande liegen. Ihr, die Mütter, die Ihr Eure Söhne aus weit entlegenen Ländern geschickt habt, wischt weg Eure Tränen. Eure Söhne liegen nun an unserer Brust und fanden Frieden. Ihr Leben in diesem Land verloren zu haben, machte sie zu unseren Söhnen.‘“ (1934) Kingsley Baird.

Das Militärhistorische Museum der Bundewehr, das alte Arsenal aus dem 19. Jahrhundert und der Erweiterungsbau von Daniel Libeskind aus dem Jahre 2011, sind mehr als nur Architektur, sie sind – wie es der Künstler Joseph Beuys formuliert hat – eine soziale Plastik, ein Kunstwerk aus Diskussionen, Unterhaltung, Flanieren, Essen und Trinken: ein Museum als lebendiger Ort, Geschichtswerkstatt und Labor, in dem die Besucherinnen und Besucher eigene Standpunkte einnehmen, vertreten und eingeladen sind, eigene temporäre Projekte zu realisieren. Das Museum ist ein Ort der Begegnung und Gastgeber für Meinungen und Kontroversen, auch über aktuelle Themen und Fragestellungen in historischer Perspektive.

Das Kunstwerk „Stela“ steht unter der Schirmherrschaft der neuseeländischen Botschaft in Deutschland.